In die Hände gespuckt – ein Projekt in Südeuropa

Eine Energiekampagne als Ausbildungsprojekt
in Andalusien

Hartwig Berger Juli/August 2014

Wir führen zur Zeit ein zunächst auf zwei Monate begrenztes Projekt in der südandalusischen Kleinstadt Paterna de Rivera (5.600 Einwohner, davon 1.500 als arbeitslos registriert) durch, das zu zwei Dritteln durch die Heinrich-Böll-Stiftung und zu einem Drittel durch private Spender*innen finanziert, sowie durch die Ludwig-Bölkow Stiftung mit organisiert wird. Akteure sind, neben dem Autor, eine junge Ingenieurin mit Vorerfahrung in Energieeffizienz und acht weitere junge Menschen, drei Frauen und fünf Männer, aus demselben Ort. Alle haben keine oder keine irgendwie regelmäßige Arbeit, wie das gegenwärtig in dieser Region für 75% der Menschen unter 25 Jahren der Fall ist. Nicht zufällig haben wir die Provinz Cádiz gewählt, in der laut Statistik zur Jahresmitte 42,4% der Bevölkerung arbeitslos sind.

Eine Energiekampagne als Ausbildungsprojekt  in Südeuropa

 

Unser Projekt, das wegen der begrenzten Finanzmittel zunächst auf zwei Monate befristet ist, nennen wir „mehr Arbeit mit weniger Energie“. Warum? Energiearmut, definiert als hoher Anteil der Energieausgaben am Gesamteinkommen, trifft im Spanien der Massenarbeitslosigkeit sehr viele Haushalte. In Andalusien erhalten nach Schätzung der Gewerkschaften CCOO und UGT 1,5 Mio Arbeitslose (bei 8,4 Mio. Einwohnern) keine entsprechende Unterstützung. Zugleich ist der Bezug von Energie teuer. Die Strompreise sind in Spanien zwischen 2008 und 2012 um 60% hochgeschnellt, im EU-Ranking liegt das Land an dritter Stelle nach den Inselstaaten Irland und Zypern. Elektrogeräte, in den Jahren des Booms angeschafft, weisen gerade in Arbeiterhaushalten meist einen hohen Verbrauch bei geringer Leistung auf und die Wärmeisolierung der in dieser Konjunkturphase errichteten Häuser ist vielfach miserabel. So wurde 2012 nicht von ungefähr 1,4 Mio Haushalten im ganzen Land wegen Zahlungsverzug der Strom abgeschaltet.

Eine Energiesparkampagne dient also nicht nur dem Umweltbewusstsein. Gerade für Familien mit geringem Einkommen kann es hilfreich sein, praktische Hinweise zu einem sinnvolleren Umgang mit Energie zu erhalten und Aufschluss darüber zu erhalten, ob und wie sich mit besonderen Maßnahmen Energieeinsparungen rechnen. Und schließlich Kenntnisse über die Eigenerzeugung von Solarwärme und Solarstrom zu erhalten, der in dieser Region mit hoher Sonneneinstrahlung selbst für arme Haushalte fast ein Selbstläufer wäre, sofern es gelingt, zinsgünstig Kleinkredite verfügbar zu machen. Erst recht trifft das für die zahlreichen Kleinbetriebe zu, die in den letzten Jahren bei zurückgehenden Einkünften mit steigenden Energieausgaben rechnen müssen.

Eine Energiekampagne als Ausbildungsprojekt  in Südeuropa

Wir haben die Kampagne über einige Monate inhaltlich vorbereitet und Ende Juni gestartet. Wir beraten Haushalte, Betriebe und öffentliche Einrichtungen gezielt in der Einsparung von Energie- und dem ebenfalls stark verteuerten Wasser und setzen angesichts der engen Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen auf „Schneeballeffekte“. Für diese Arbeit haben sich die Teilnehmenden in die Regeln und Systematik von Energieaudits und die entsprechenden Rechenprogramme eingearbeitet, um möglichst präzise Auskunft über mögliche Energieeinsparungen, ihre Kosten und Amortisationszeiten geben zu können. Wir haben einen ansprechend gestalteten Leitfaden zum Energiesparen in Haushalten erarbeitet, den wir im ganzen Ort verteilen. Zur besseren Verbreitung führen wir mehrere Veranstaltungen durch, zu denen wir öffentlich einladen.

Das Ganze soll keine Eintagsfliege bleiben. Deshalb haben wir die Gründung eines lokalen Energiewende-Vereins eingeleitet, übrigens mit einem nur aus Frauen bestehenden Vorstand. In diesem Verein haben wir ein Folgeprojekt erarbeitet, das folgende Ziele verfolgt:

  • Die Energieberatungen sollen auf Betriebe und öffentliche Einrichtungen ausgeweitet werden, auch mit dem Versuch, dass Energieberater*innen über die damit erzielten Einsparungen ihre Arbeit finanzieren können.
  • Wir wollen eine Bilanz der Solarpotentiale des Orts aufstellen und prüfen, ob und wie die Menschen hier eine Eigenversorgung mit Solarstrom wirtschaftlich organisieren können.
  • Wir wollen prüfen, wie eine Energiewende in diesem Gebiet mit Impulsen für die regionale Ökonomie zusammengehen kann. Z.B. durch Baumaterial aus Lehm und Stroh oder Wärmeisolierung mit Stroh, Schafwolle, Kork oder Recyclingmaterial
  • Und wir wollen konkrete Vorschläge erarbeiten, wie der Ort sein selbstgestecktes Ziel einer Verringerung der CO2-Emisssionen um 20% bis 2020 erreichen kann.

Mit unserer Arbeit werben wir auch in Nachbarorten der Provinz, versuchen dort Akteur*innen zu ermutigen, ähnliche Projekte auf breiterer Grundlage und unter Nutzung der EU-Regionalförderung einzuleiten. Die Auflage der EU, 20% der Förderung für Maßnahmen des Klimaschutzes einzusetzen, bietet da einen ausgezeichneten Ansatzpunkt. Ablauf, Erfahrungen und Probleme unserer Kampagne werden wir in einer zweisprachigen Dokumentation zusammenstellen.

Welchen möglichen Nutzen haben die jungen Akteur*innen vom Projekt? Wir laden sie zu einem Experiment ein, in dem sie nicht verlieren, aber vielleicht gewinnen können. Gelingt es, durch vereinbarte Anteile am finanziellen Nutzen, den Haushalte, Betriebe und Verwaltungen von einem intelligenten Umgang mit Energie haben, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten? Können junge Menschen, die sich zu Energieberater*innen schulen lassen, von dieser Tätigkeit zumindest teilweise leben? Ist es möglich, Beratergenossenschaften zu gründen und dafür Starthilfen zu erhalten? Wir wollen das testen.

 

Ein etwas ausführlicherer Bericht ist in der folgenden PDF-Datei nachzulesen:
„Mehr Arbeit mit weniger Energie – Ausbildungskurs zu Energieeinsparung und Energieeffizienz“

 

Film

Der Film ist in spanischer Sprache, deshalb eine eigens angefertigte deutsche Lesehilfe als hier PDF-Datei.

 

Kontakt

Hartwig Berger, berger@oekowerk.de

Spendenkonto

Ludwig-Bölkow-Stiftung
Konto Nr. 40424024
BLZ 43060967
mit Zusatzvermerkt: „Pende Andalusien-Projekt“

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