Ein Bericht vom Widerstand im Wendland, November 2004

Grüne Igel gegen nuklearen Todestransport

Ein Bericht vom Widerstand im Wendland, November 2004

Die Beteiligung der Grünen Jugend an den Anti-CASTOR-Aktionen war sehr zahlreich und engagiert. Am Camp bei Lüchow waren insgesamt 40 Jungigel beteiligt und 3 Alt-Grüne beteiligt. An den Blockade-Aktionen am Montag/Dienstag nahmen etwa 30 Leute teil, die übrigen mussten wegen Schule oder Studium vorzeitig abreisen.

Vom schrecklichen Tod des jungen Sebastien in Lothringen erfuhren wir am Sonntag gegen 17 Uhr, als wir uns gerade der beginnenden Blockade auf der Nordstrecke des Straßentransports ( in Langendorf) anschließen wollten. Wir brachen die Aktion sofort ab und fuhren, wie viele andere auch, zur Trauerkundgebung nach Hitzacker. Uns war klar, dass die Aktionen jetzt nicht mehr im gleichen Stil wie die Jahre zuvor ablaufen konnten, dass sie neben Protest und Widerstand auch Trauer ausdrücken müssen. Das sahen auch autonome Gruppen so, die leider in Hitzacker an einer Erklärung gehindert wurden. Sie wollten dort deutlicher als andere ihrer Wut über den Todesfall Ausdruck geben und zugleich für dieses Jahr einen Gewaltverzicht verkünden.

Besonders bedrückend am schrecklichen Unglück war, dass sich unsere französischen FreundInnen mit ihrer Aktion gegen einen im Prinzip legitimen, ja selbst gebotenen Rücktransport aus La Hague nach Deutschland wendeten. Es war eine klare Solidaritätsbekundung mit unserem Kampf, denn dass der Strahlenmüll aus Deutschland dorthin – nur wohin? – auch zurückgehört, sollte unstrittig sein.

Bedrückend war auch die geradezu kriminelle Verantwortungslosigkeit des Atomtransports. Eine Geschwindigkeit von 100 km/h riskiert nicht nur tödliche Unfälle, sie riskiert auch nukleare Katastrophen. 100 km/h ist etwa die Fallgeschwindigkeit, der Castoren nach simulierten Fallversuchen beim Aufprall standhalten sollen. Was ist, wenn der Zug entgleist und wie im Jahr 2000 bei Eschede/Celle der ICE, gegen einen Brückenpfeiler rast? Das Beispiel ist bedacht gewählt, denn der Atomzug durchraste wegen seiner etwa 12std. Verspätung auch die Strecke Celle-Lüneburg in nur einer Stunde.

Aufgrund der Trauer über Sebastians Tod entschieden wir uns, nicht an Schienenaktionen teilzunehmen, die im übrigen dieses Jahr deutlich schwächer ausfielen. Am Montag schlossen wir uns zunächst der Straßenblockade an der Nordstrecke an, die durch die demonstrierenden Bauern zugleich mit 30 abgestellten Traktoren bestückt war. Als südlich davon, in Groß-Gusborn, 19 Trecker aus die Südroute fuhren, schlossen wir um 15 Uhr der dortigen Sitzblockade an. Die Grüne Jugend war durch ihre Beharrlichkeit, ihre Ausdauer und ihre Heiterkeit (Gesänge, Aufwärmtänze, betont friedliches Auftreten) ein Herzstück der Südblockade, in der sich Jochen Stay von X-tausendmal-quer hervorragend engagierte, indem zugespitzte konfrontative Situationen mit der Polizei klug deeskalierte – und zwar nach beiden Seiten hin.

Ermutigt durch den erfolgreichen Ablauf, waren an der Südblockade zeitweise 1.000 Menschen beteiligt. Wegen der Novemberkälte und wegen der Vermutung, die erfolgreich blockierte Südstrecke werde umfahren, bröckelte die Beteiligung in der Nacht stark ab, die Grüne Jugend hingegen blieb vor Ort. Die Polizei fuhr in geradezu Mitleid erregender Unbeholfenheit die abgestellten Traktoren aus der Blockade ab. Gegen 4.30 morgens kesselte sie die noch höchstens 200 Straßenblockierer ein ( Viele wärmten sich um diese Zeit an Holzfeuern in der Nähe auf und kamen nicht mehr „rein“). Um der Festnahme zu entgehen, verließ noch ein Teil die Straße, ungefähr 65 – darunter 15 Grüne Igel – wurden festgenommen und auf einer seitlich gelegenen Wiese eingesperrt, leider ohne Decken und Getränke. Von dort „durften“ wir den vorbeifahrenden Atomtransport gegen 8.30 „besichtigen“. Zum Glück hatte auch die Polizei nach der kalten Nacht den Kanal voll, zog sofort ab und ließ ihre durchgefrorenen Gefangenen ohne Personalfeststellung frei.

Der diesjährige Widerstand im Wendland war wegen seiner Mischung aus Protest, Wut und Trauer, bei konsequenter Gewaltfreiheit, besonders berührend und eindrucksvoll. Es überwog klar die Jugend, die schon bei der starken Auftaktdemo in Dannenberg am Samstag ( 5.000 Menschen) etwa ¾ der Teilnehmer ausmachte. Und „Jugend“ hieß: vorwiegend unter 20 Jahre. Wenn man mit den jungen Leuten, und das gilt selbstverständlich auch für die Grüne Jugend, sprach, merkte man, dass keineswegs Abenteuerlust, sondern die Beunruhigung über die Gefahren der Atomkraft das treibende Motiv waren, hier zu demonstrieren, sich dem Risiko und der Kälte auszusetzen.

Die Beharrlichkeit und Kraft des antinuklearen Widerstands im Wendland ist in unserem Land einmalig. Es war dieses der 8. Atomtransport seit 1995, seitdem hat der Widerstand keineswegs abgenommen, gegenüber dem letzten Jahr hat er deutlich zugenommen. Auch die Grüne Politik, die sich ja neben anti-nuklearen auch demokratischen Ansprüchen zu stellen hat, kann jetzt nicht weitermachen wie bisher. Wir sollten uns dazu entschließen, gemeinsam für die definitive Aufgabe des Endlager-Standorts Gorleben wirklich zu kämpfen. Gegen die Bevölkerung der Region kann so etwas nur in totalitär angehauchten Staaten durchgeboxt werden. Eine der geistigen Gründungsfiguren der Grünen, Robert Jungk, hat das in seinem Buch „Atomstaat“ schon vor 20 Jahren eindringlich dargestellt. Und wir können von der Grünen Regierungsbeteiligung erwarten, dass sie sich für eine schnelle und wirksame Einleitung der Endlagersuche in staatlicher Verantwortung und unter extensiver BürgerInnenbeteiligung einsetzt, statt dass in Gorleben immer mehr vollendete Tatsachen geschaffen werden.

Abschließend möchte ich mich der Grünen Jugend für ihr hervorragendes Engagement gratulieren; und mich sicher auch in ihrem Namen bei Marianne Tritz, Grüne MdB aus dem Wendland und bei Martina Lamers, Kreisvorsitzende der Grünen in Lüchow-Dannenberg, für ihre Unterstützung vor Ort bedanken. Auch Rebecca Harms, MdEP, war die ganze Zeit über im Wendland engagiert.

Hartwig Berger, Sprecher der BAG Energie Berlin, 11.11. 2004

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